Die Passeirer Tracht

Die Passeirer Tracht ist keine lebende Tracht, was heißt, dass sie nicht mehr Alltagskleid ist, sondern nur an Festtagen und zu besonderen Anlässen getragen wird. Ihre schlichte Form und Ausführung hebt die Gestalt der Passeirer besonders vorteilhaft heraus.

Joppe: Braune Loden­joppe, welche vorne ein etwa drei Zentimeter breiter roter Umschlag mit grüner Einfassung ziert.

Passeirer Tracht heute.

Hosenträger: Der „Heyber“ besteht aus grünem Stoff, die Querschläge sind oft kunstvoll bestickt Ledergurt Eigentlich „Binde genannt“, an dem oft der Name des Trägers oder schöne Sprüche mit Feder-kiel eingestickt sind.

Hose: Verwendete Materialien Bockfell oder Teufels-haut. Die Knie sind frei, die Beine bedecken weiße Strümpfe, durch ein farbiges Band über der Wade befestigt.

Halstuch: Ein buntes Seiden­tuch, auch „Mander-tiachl“ genannt, über welchem der weiße Hemdkra-gen gestülpt wird.

Hut: Schwunghaft, aus schwarzem Filz ge­formt und mit zwei Silberquasten geziert.

Leibl (Weste): Ist aus rotem Loden gearbeitet, zwei Reihen kleiner Messingknöpfe blitzen daran.
Über die Passeirer Tracht ( s’Pairische ) schreibt Beda Weber in seinem Werk „Das Thal Passeier und seine Bewohner“ (Innsbruck 1852) folgendes:

Männer: "Die Nationalkleidung hebt ihre Gestaltungsvorteile heraus. Sie tragen eine kurze braun­wollene Jacke, die vorn schmal hochrothe Aufschläge hat und bis an die Lenden herabreicht, einen rothen Leibfleck darüber einen schwarzlendernen Gurt, an dem ihr Name und oft auch andere schöne Sprüche weiß eingestickt sind, eine Hose von Kalb- oder Schafleder; die Knie bloß, weiße Riegelstrümpfe mit zierlichen Zwickeln, durch farbige Bänder über der Wade befestigt, weitausgeschnittene Schuhe eben­falls mit rothen oder blauen Schnüren. Um den Hals schlagen sie einen schwarzen Flor oder ein buntfar­biges Tuch, über welches der weiße Hemde-kragen herabgestülpt ist. Ihr Hut ist gewöhnlich schwarz, breitkrämpig, schwunghaft, größtenteils mit Federn , und Sammtbändern geschmückt. Für schwarze und braune Hutfedern haben besonders die jungen Burschen eine große Leidenschaft. "

Passeirer Trachtenpaar um 1800,

Frauen: "Ihre ältere Tracht war bildsamer als die heutzutage. Sie trugen weiße Schürzen, ein weißes Koller um den Hals, mit kurzen Jacken von grüner Far­be, den Kopf entweder bloß, oder leichte Hüte auf demselben, die mit jetzigen Zillerthaler Hütchen einige Ähnlichkeit hatten. Man sieht sie noch in älteren Gemählden von Auer, Haller und Ändern. Diese Festtracht ist fast ganz verschwunden. Der löbliche Versuch des Dechant Stuefer, sie wieder einzuführen scheint ohne durch­greifende Wirkung gewesen zu seyn. Das Volk hatte keinen Sinn dafür. Die jetzige Frauentracht ist durchwegs entstellend. Blaue Zottelmützen auf dem Kopf, buntfarbige Tücher um den Hals, ei­nen Wulst schwarzen Flores darüber, steiffaltige Kittel von schwarzen Trillich, und blauge­druckte Schürzen, selten rothwollene Strümpfe wie um Meran. Daher hat man wohl ein walzenartiges Stück von einem Wesen, aber kein Weib."

Wie bereits aus diesen Zeilen von Beda Weber vor etwa 150 Jahren hervorgeht, fehlte den Passeirern - im Vergleich zu anderen Talschaften Tirols - schon damals der enge Bezug zur Taltracht.

Ein wichtiger Grund dafür liegt sicherlich in der Armut des Großteiles der Bevölkerung, welche eine Tracht unerschwinglich machte, ein anderer in den verschie­denen Einflüssen und "Moden" von außen, welche die ursprüngliche Tracht, besonders bei den Frauen, verfälschten, sie ebenfalls zu einer Modeerscheinung machten und damit vom Kern her in Frage stellten.

Obwohl jede Tracht von ihrem Wesen her ein Identifikationsmerkmal und eine soziale Klammer für ein genau begrenztes Gebiet darstellt, in unserem Falle für das ehemalige Gericht Passeier, muss die Tracht ebenso auch als Statussymbol ihrer Träger verstanden werden, was dem heute in Trachtenkreisen gepflegten Einheitsdenken nicht entsprach.

Einen Aufschwung erlebte die Taltracht zu Beginn unseres Jahrhunderts im Hinblick auf die romanti- sierenden Feierlichkeiten anlässlich des Kaiserbesuches und des Hundertjahrjubiläums der Freiheits-kriege. So bestand z.B. im Jahre 1908 in St. Leonhard ein eingetragener Verein zur "Erhaltung der Volks tracht". Auf diese Blüte folgte bald darauf die unselige Verknüpfung von Weltkrieg, Landes-teilung, Wirtschaftskrise und Faschismus, welche das öf­fentliche Tragen der Tracht sogar bei den Vereinen stark einschränkte. Der Neubeginn erfolgte nach dem 2. Welt-krieg, 1946, und wurde mit einer vereinheitlichenden Reform verknüpft. Der Trachten - Schneider Josef Götsch (1909-1970) aus St. Martin und einige Gleichgesinnte aus den Reihen des Heimatpflegevereines erarbeiteten diese in Zusammenarbeit mit der Trachtenkundlerin Gertraud Pesendorfer vom "Ferdinandeum" in Innsbruck. Man unterschied erstmals auch bei den Männern zwischen Sommer- und Wintertracht, wozu lange braune Lodenhosen für den Winter entworfen wurden. Den Anfang machte hierbei als geschlossener Verein die Waltner Musikkapelle. Das rote Leibl wurde verlängert und gleichzeitig die Anzahl der Knopfpaare von 16 auf acht halbiert. Ebenfalls um zu sparen wurden die "Feiertagshejber", welche ehemals aus grüner Seide gefertigt waren, durch grün - wollene ersetzt, auch der breitkrämpige Hut wich einem maschinell fertigbaren Modell. Der Preis für eine vom Fachmann hergestellte, komplette Tracht beläuft sich derzeit (1993) auf etwa vier Millionen Lire, wobei allerdings mehr als die Hälfte auf die (im Sarntal) federkielgestickten Gurte und die Schuhe entfallen.
Bei den Frauen besteht eine "Madlsommertracht" mit rotem Miederleibchen aus geblümtem Seidenstoff und eine "Frauensommertracht" mit schwarzem Miederleibchen. Für die Wintertracht wird zusätz­lich ein schwarzer Woll-"Tschoapm" verwendet. Die schweren gefalteten "Wieflingskittel", bei denen der Kettfaden aus roter Seide, der Schuß aus schwarzer Wolle bestand, wurden durch leichtere Modelle ersetzt; die Kopfbedeckung fehlt allgemein, mit Ausnahme der "Marketenderinnen", welche einen flachen Hut tragen.

Die Träger und Bewahrer der Tracht sind besonders bei den Männern fast ausschließlich Vereine des Tales: die Schützen, Musikkapellen, Frontkämpfer, Volkstänzer, Heimatpfleger usw., "das (übrige) Volk hat keinen Sinn dafür", wie bereits Beda Weber feststellte.